Kolloquium 25.-27.11.2010 | Université de Liège | Organisatoren : Louis Gerrekens, Achim Küpper

In seiner Studie Über einige Motive bei Baudelaire bringt Walter Benjamin das „Hasardspiel“ aufgrund seiner Zufälligkeit, Sinnentfremdetheit, „Vergeblichkeit“ und „Leere“ in Zusammenhang mit dem „Chockerlebnis“ der Moderne; er vergleicht es in dieser Hinsicht mit der Tätigkeit des Fabrikarbeiters „an der Maschine“. Aus soziologischer Perspektive – und teils unter Rückverweis auf Benjamin – deutet Gerda Reith den modernen Spieler als einen Sinnsuchenden, das Glückspiel als einen Ausdruck heimlichen Sinnverlangens in einer kontingenten und vom Zufall regierten Welt. Wo die Figur des Spielers in der Literatur auftaucht, da müsste sich also berechtigterweise auch nach einer Verbindung mit spezifisch ‚modernen’ Erfahrungen wie Sinnlosigkeit, Zufälligkeit, Entfremdung fragen lassen. Dies wäre zugleich in einen breiteren Untersuchungskontext einbezogen: Wie wird der Spieler in einzelnen literarischen Texten verschiedener Autoren gestaltet? Lassen sich für die Darstellung besondere Hintergründe ermitteln? Gibt es Zeiten, zu denen der Spieler häufiger in Erscheinung tritt, das Glücksspiel stärker thematisiert wird als zu anderen? Nicht selten sind die Literaten dabei an sich schon Hasardeure. Wenn nun aber die Textarbeit selbst als eine Art ‚Hasardspiel’ erscheint, ist Literatur dann ein Versuch der Kontingenzbewältigung? Oder führt sie umgekehrt die Unzugänglichkeit und Unzulänglichkeit eines Sinns und damit Zufälligkeit und Inkommensurabilität vor Augen?

Das Kolloquium versammelt Beiträge zu bekannten und vielleicht auch weniger bekannten Thematisierungen des Hasardspiels und seiner rituellen Grundformen in der deutschsprachigen Literatur. Hierbei geraten ganz unterschiedliche Autoren in den Blick. Zeitlich reicht der Rahmen von Gotthold Ephraim Lessing oder Karl Philipp Moritz über E.T.A. Hoffmann, Arthur Schnitzler, Hugo Bettauer, Thomas Mann, Norbert Jacques, Stefan Zweig, Joseph Roth, Bertolt Brecht oder Joe Lederer bis hin zu Peter Handke oder Juli Zeh. Dabei soll eine chronologisch weiter zurückreichende Perspektive ebenfalls nicht ausgeschlossen werden: Die erste Sektion, in der einige Grundlagen der Spielerthematik umrissen werden, umfasst neben thematischen Einführungen, historisch-theoretischen Fundierungen zum Hasard/Hasardeur und dem Vergleich mit Dostojewskis berühmtem Spielerroman auch einen Blick auf die Geschichte der Spielerfigur in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit. Die Vorträge sollen zu gleicher Zeit auch Einblicke in das Thema aus soziokultureller Sicht sowie literaturhistorische Überblicke über mögliche Stationen, Entwicklungen, Tendenzen der Motivgestaltung gewähren. Idee der Tagung und des daraus hervorgehenden Sammelbandes ist es, wenigstens im Ansatz zu einer deutschsprachigen Literaturgeschichte des Hasardspiels und der Hasardeure beizutragen, die bislang noch ungeschrieben ist.